Mahut 2007 - „Eine Reise zur Quelle des Ganges“

Expeditionsbericht 7

Durch das Tor Gottes

Sofort nach dem Abschied von „Raju“ beginnt unsere Suche nach einem neuen Wegbegleiter. Unter großem Aufwand entdecken wir allerdings im Umkreis von über 100 km nur einen einzigen Elefanten in der Großstadt Kanpur. Die Besitzer des Tieres sind Sadhus und sie erklären sich sogar bereit, uns diesen Bettelelefanten mit auf den Weg zu geben. Doch die ganze Sache hat einen fatalen Haken, denn diese Elefantendame ist blind. Um unverblümt Geld zu verdienen, erzählen uns diese heiligen Sadhus, dass die Blindheit kein Problem wäre, der Elefant würde trotzdem laufen. In unseren Köpfen brauen sich sogleich die wildesten Gedanken zusammen, was nicht alles mit einem blinden Elefanten auf solch einem weiten Weg passieren kann. Auch wenn wir bisher noch keine andere Alternative gefunden haben, schlagen wir uns schweren Herzens diese Elefantendame aus dem Kopf. Wir wollen dem Tier solch ein Risiko einfach nicht zumuten.

Über weitere fünf Ecken erfahren wir, dass es nördlich von Kanpur, in Moradabad, einen oder zwei Elefanten geben könnte. Uns bleibt also nichts anderes übrig und wir fahren nach Moradabad. Hoffnungsvoll hören wir uns um und tatsächlich soll es auf dem Land, 50 km außerhalb der Stadt, einen Elefanten geben. Wir begeben uns sofort auf den Weg in dieses kleine moslemische Dorf und wundern uns, wieso in Indien fast alle Elefanten in der Hand von
Moslems sind. Später erfahren wir, dass dies mit der indischen Geschichte zusammenhängt. Viele hundert Jahre wurde Indien von moslemischen Großmogulen und Maharadschas beherrscht und die Hindus wurden von ihnen unterdrückt. Damals wurden viele große Kriege mit Elefanten ausgetragen. Somit ist es eine moslemische Tradition, Elefanten zu besitzen. Im Dorf angekommen entdecken wir die Schönheit „Lakhi“, eine 25 Jahre alte wunderschöne Elefantendame und ihren Mahut sowie Besitzer Phahiem. Nach drei Tagen harter Verhandlung können wir am 27.05.2007 mit unserem dritten Elefanten in Richtung Himalaya starten.

Von Anfang an ist uns „Lakhi“ sehr sympathisch, denn sie ist nicht so wild wie „Raju“ der Elefantenbulle. Nun ist endlich die Zeit gekommen, unsere erlernten Erfahrungen mit den Elefanten aus den vergangenen Wochen  einzusetzen. Schon nach einigen Kilometern sitzen wir selbst auf der Hodah und versuchen „Lakhi“ mit Kommandos zu kontrollieren. Im absolut chaotischen indischen Verkehr ist das allerdings wirklich nicht so einfach. Es dauert  auch eine Weile bis wir die Kommandos richtig beherrschen und „Lakhi“ schließlich doch vorwärts anstatt rückwärts läuft. Bevor man jedoch oben sitzt, muss man natürlich erstmal hochkommen. So oft haben wir den Aufstieg bei unseren letzten Mahuts gesehen und nun versuchen wir selbst, mit der Königsmethode einen Elefanten zu erklimmen. Wir greifen die riesigen Elefantenohren, ziehen sie nach vorn und steigen mit einem Fuß auf den Rüssel. Der Elefant hebt den Kopf hoch, noch zwei Schritte und wir sitzen hinter dem Kopf auf der Hodah. Wer sich da nicht richtig fest hält, plumpst gnadenlos in die Tiefe. Langsam fühlen wir uns wie richtige Mahuts.

Wir folgen dem Ganges in großem Abstand parallel in Richtung Norden und unser nächstes großes Ziel ist Haridwar, das Tor Gottes. Schon bald treffen wir auf einige Sadhus, die auch nach Haridwar laufen. Einer ist schon seit 7 Jahren allein zu Fuß in Indien unterwegs und hat dabei bereits 42.000 Kilometer zurückgelegt. Wir übernachten so oft als möglich in Hindutempeln oder in Dörfern auf Bauernhöfen. Die Landschaft ändert sich dramatisch und die ersten Berge des Himalaya tauchen am Horizont auf. Wir sind umgeben von großen Wäldern und entdecken sogar überall Dung von wilden Elefanten. „Lakhi“ ist mit ihrem Rüssel ständig am schnüffeln, da sich Elefanten aus kilometerweiten Distanzen riechen können.

Haridwar ist eine der sieben heiligsten Städte Indiens. Unter anderen hat der Hauptgott Shiva an diesem Platz den Nektar für die Welt verloren. Jeder Hindu sollte einmal in seinem Leben nach Haridwar gepilgert sein. Wer hier ein Bad im Ganges nimmt, wird von seinen Sünden reingewaschen. Wo also könnte es einen besseren Platz geben als in Haridwar, um mit einem Elefanten baden zu gehen? Als wir ankommen, werden wir von den Menschenmassen fast erschlagen. Hunderte Sadhus mischen sich mit Bettlern und zehntausenden Pilgern. Wir finden fast keinen fußbreit Platz, unsere Opfergaben hier mit Singh, unserem Begleiter, in die Fluten des Ganges zu geben. Aller 12 Jahre findet auch hier die Khumb Mela (das größte Fest der Hindus) statt, wo sich bis zu 50 Mio. Menschen in Haridwar versammeln.

Der 840 Quadratkilometer große Rajaji National Park beginnt gleich hinter Haridwar. Leider darf „Lakhi“ wegen der Tierschutzbestimmungen nicht in das Parkgelände, was wir eigentlich erhofft hatten. Somit erkunden wir die großen Gras- und Waldlandschaften ohne unsere Begleiterin. Es dauert nur wenige Minuten und wir entdecken die erste wilde Elefantenherde mit ihren Kälbern im schützenden Wald. Später taucht dann noch eine weitere Herde auf. Sie wird von einem Bullen verfolgt, welcher plötzlich seine Meinung ändert und nun uns wütend hinterher rennt. Wir haben Glück, denn es ist gerade noch mal gut gegangen. Es gibt hier im Nationalpark auch noch Tiger, Leoparden, Wildschweine, Sambarhirsche, viele Pfauen, Affen und Königskobras.

Die Berge werden sichtlich höher und wir erreichen nach einer Wegstrecke von ca. 1.200 km endlich Rishikesh. Der Ganges bringt hier eine erfrischende kühle Brise aus den Bergen hinunter ins Tal. Hinter uns liegt nun die tausende Kilometer weite Gangesebene und vor uns das mächtigste Gebirge der Welt, der legendäre Himalaya. Der Ort wo die Götter wohnen und sich auch die heiligen Gangesquellen befinden. Natürlich nehmen wir auch hier zusammen mit „Lakhi“ ein Bad im nun klaren und frischen Wasser des Ganges.

Schon in den letzen Wochen ist uns bewusst geworden, dass der Marsch mit dem Elefanten zur 4.000 Meter hohen Gangesquelle unmöglich ist. Es gibt hier keine Schatten- und Futterbäume mehr, die Straßen sind haarsträubend eng und gefährlich. Somit nehmen wir in Rishikesh, nach hunderten Kilometern gemeinsamen Marsch mit unseren drei Elefanten, nochmals in Gedanken Abschied von unseren so unterschiedlichen Wegbegleitern. Besonders „Lakhi“ haben wir sehr ins Herz geschlossen und der Abschied fällt uns auch dieses Mal sehr schwer, denn wir wissen, dass wir nun für die letzten Kilometer bis zu den vier heiligen Quellen, ganz auf uns allein gestellt sind.

Versteckt in den Hochtälern des Himalaya befinden sich diese vier heiligen Quellen, darunter die Gangesquelle hinter Gangotri. Von dort werden wir unseren nächsten und voraussichtlich letzten Bericht zu unserer  Elefantenexpedition "Mahut 2007" senden.

Gil & Peer

Impressionen

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